Das Global Village und der Täterschutz

Im März dieses Jahres wurde ich durch eine strenge E-Mail an meine Diplomarbeit erinnert. Ein Dr. M. wies mich an, meine Diplomarbeit vom Netz zu nehmen, da ich damit die Datenschutzrechte seines Klienten verletze. Ich war zuerst ob des offiziellen Schreibens etwas irritiert. Wie es sich aber für einen Angehörigen der Netzgeneration gehört suchte ich erst mal Dr. M. in Google und freute mich dass er Doktor der Medizin und nicht der Juristerei war.

Meine DA von 2003 handelt von der Sorglosigkeit der Webnutzer im Umgang mit eigenen und fremden personenbezogenen Daten, und da hatte mich nun jemand dabei ertappt, wie ich selber mit personenbezogenen Daten sorglos umging.

Im beanstandeten Fall ging es um einen rechtmäßig verurteilten Straftäter, hier die Schilderung des Falles aus der Diplomarbeit „Anonymität in indizierbaren Datennetzen (s.14, Kap.3):

Am 24.04.2003 berichteten österreichische Medien, darunter die Online-Ausgabe des Österreichischen Rundfunks (ORF), unter dem Titel „Kinderschänder von Opfer ausgeforscht“ über einen Fall, der die Problematik von personenbezogenen Daten in Suchmaschinen zeigen kann. Das mittlerweile erwachsene Opfer eines rechtmäßig verurteilten Kinderschänders recherchierte auf eigene Faust nach seinem Peiniger. Die gesuchte Person war während einer versuchten Wiederaufnahme des Verfahrens untergetaucht und seit Oktober des Vorjahres von der Interpol zur Fahndung ausgeschrieben. Das Opfer gab nun den Namen der gesuchten Person in Google ein und bereits einer der ersten Links enthielt die Seite eines deutschen Hotels, dessen Hoteldirektor den selben Namen trug. Nachdem das Opfer den Hoteldirektor als die gesuchte Person wiedererkannte, meldete es den Fund der Polizei, die ihn bereits am folgenden Tag als den gesuchten R. K. identifizierte und ihn festnahm.

In einem Online-Artikel der Zeitschrift News wurde die genannte Internet-Seite, durch die R. K. aufgefunden wurde, folgendermaßen zitiert: „Unser Hausherr R.K. begrüßt sie bei einem Gläschen Prosecco und bespricht mit ihnen den Programmablauf der nächsten Tage.“ Obwohl in diesem Bericht von News die Person anonymisiert angegeben wurde (R.K.), genügte es, den gesamten Satz in Google einzugeben, um herauszufinden, dass der Arbeitgeber von R. K. das Hotel W. im S. ist, auf dessen Internet-Seiten der verhängnisvolle Text aufschien (siehe Abb. 3.1 auf S. 16). In den Stunden nach Veröffentlichung des Online-Artikels wurde im zugehörigen Forum auf orf.at von Lesern der Link zur Hotelseite gepostet. Nachdem das Hotel reagiert hatte, und die genannte Seite löschte, war sie aber noch längere Zeit im „Google Cache“ zu finden, ein Umstand, der ebenfalls sofort im Forum publiziert wurde. Nach einiger Zeit fand sich auch ein Forumskommentar mit dem vollständigen Namen, postalische Adresse, E-Mail Adresse und Link zu einem Bild.

In der Zwischenzeit hat R.K. seine Strafe abgeleistet, sein vollständiger Name in meiner in Google indizierten Diplomarbeit war daher vermutlich nicht sonderlich förderlich fuer seine Wiedereingliederung. Im globalen Dorf kann sich jeder über deine Vergangenheit informieren, ein Umsiedeln ist nicht möglich.

Die anschliessende Emailkonversation mit Dr. M. erwies sich dann doch noch als freundlicher als zunächst angenommen, es war für mich aber ohnehin sofort klar, dass ich niemanden mit meiner Diplomarbeit an den digitalen Pranger stellen will und habe deshalb die DA bis zur Überarbeitung aus dem Netz genommen.

In der Zwischenzeit habe ich den Namen von R.K. anonymisiert und die DA wieder veröffentlicht. Es heisst ja, das Internet vergisst nie, die Probe aufs Exempel: Vor 3 Monaten war meine DA in Google indiziert und der einzige Treffer bei Eingabe von R.K. (in nicht anonymisierter Form). Einige Zeit nachdem ich die Arbeit vom Netz nahm fand sich kein qualifizierter Treffer zu R.K. in Google. Einige Monate später finden sich nun mittlerweile wieder viele Treffer zu R.K. in den üblichen verdächtigen Online Communities Xing, Jimdo und Co – aber nichts mehr über die von mir zitierte Tat. Das Web vergisst also doch, die Tat ist also auch in Google getilgt.

Die DA liegt weit zurueck, ich bin kein Jurist und weiß daher nicht im Detail, ob ich durch die Schilderung des Falles und die Namensnennung in diesem speziellen Fall einen Straftatbestand erfüllt habe, interessant finde ich es aber auch für den generellen Verstoß gegen Personenschutzrechte in Diplomarbeiten: ich hoffe das irgendwann einmal alle Diplomarbeiten online publiziert werden, womöglich rückwirkend digitalisiert. Da schlummert sicher ein reichlicher Schatz von rechtlichen Verstössen aller Art, die dann fröhlich mit Google ihrer gerechten Strafe zugeführt werden können.

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2 Kommentare on “Das Global Village und der Täterschutz”

  1. felix sagt:

    Der Name R.K. erscheint in Xing? Wie kommt er da rein, wenn er sich nicht selbst angemeldet hat 🙂

  2. rattomago sagt:

    @felix: klarerweise hat er sich selbst eingetragen, aber ich glaub das war dir klar. Es sieht so aus als hätte er sich aber erst eingetragen, nachdem der Zusammenhang mit der von mir zitierten Tat nicht mehr im Internet auffindbar war.

    Ein Nachtrag bzgl Kommentar per E-Mail von meinem geschätzen Diplomarbeitsbetreuer MMag. Dr. Mayr:

    Anonymisieren von Namen – obwohl Sie natürlich zitieren dürfen – ist auf jeden Fall besser.

    1. weiß man ja nichts bezüglich von Verjährung, Tilgung, Verbüßung etc.

    StGB § 113. „Wer einem anderen in einer für einen Dritten wahrnehmbaren Weise eine strafbare Handlung vorwirft, für die die Strafe schon vollzogen oder wenn auch nur bedingt nachgesehen oder nachgelassen oder für die der Ausspruch der Strafe vorläufig aufgeschoben worden ist, ist mit Freiheitsstrafe bis zu drei Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 180 Tagessätzen zu bestrafen.“

    2. noch schlimmer ist die Verwechslung mit Unschuldigen.

    Punkt 1. war mir in diesem Zusammenhang nicht klar. Zu Punkt 2. ist zu sagen, dass in der geschilderten „Aufdeckungskampagne“ die Wohnadresse eines Verwandten von R.K. mit identem Namen gepostet wurde.


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